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Vor 800 Jahren ging Jigten Sumgön
ins Parinirvana ein

Zum Gedenken an einen großen buddhistischen Meister

 

005 Jigten Sumgön von HHDer tibetische Buddhismus besteht aus einer Reihe von Schulen oder Traditionen, die einer bestimmten Übertragungslinie folgen. Eine von diesen ist die Drikung-Kagyü-Schule. Sie wurde von dem herausragenden buddhistischen Meister Jigten Sumgön („Schützer der drei Welten“) im frühen 13. Jahrhundert begründet. Im Unterschied zum westlichen Brauch, Jahrestage in Bezug zum Geburtsjahr einer Person zu feiern, wird in der buddhistischen Überlieferung der Gedenktag für buddhistische Meister im Bezug zum Jahr ihres Ablebens begangen, als sie in das so genannte Parinirvana eingegangen sind – das Eingehen ins Nirvana nach der physischen Erdenexistenz.

2017 feiert die Drikung-Kagyü-Tradition den 800. Jahrestag des Eintritts ihres Liniengründers Jigten Sumgön ins Parinirvana. Zeit, einen Blick auf das außergewöhnliche Leben dieses tibetischen Meisters zu werfen.

Jigten Sumgön wurde 1143 in Tsungu in Osttibet geboren. Sein Vater war der Yogi Neljorpa Dorje und seine Mutter Rakshisa Tsünma. Schon in jungen Jahren fiel Jigten Sumgön durch einen wachen Geist auf. Als er drei Jahre alt war, übertrug ihm sein Vater seine persönliche tantrische Meditationsgottheit Yamantaka. Seinen ersten Unterricht in Lesen und Schreiben erhielt er im Alter von fünf Jahren. Jigten Sumgön konnte sich Wissensinhalte hervorragend aneignen und bald vortrefflich lesen und meditieren. Als eine Hungersnot Osttibet heimsucht, musste Jigten Sumgön mit sieben Jahren mithelfen, den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Er las aus heiligen Schriften und erhielt dafür milde Gaben. In dieser Zeit hatte er Visionen von Yamantaka. Schon in jungen Jahren wurde er in die höchsten buddhistische Lehren eingeweiht, die Mahamudra-Lehren, und erhielt die Übertragung der vollständigen Kadampa-Belehrungen.

Bald nach dem Tod seiner Eltern begab sich Jigten Sumgön auf Wanderschaft in südliche Landesteile und hielt im Jahr 1164 in Lumgmoche eine lange Schweigeklausur ab. Während dieser Phase des Rückzugs traten bei Jigten Sumgön magische Fähigkeiten auf und sein Ruhm verbreitete sich rasch. Zwar hatte Jigten Sumgön bereits große spirituelle Fortschritte gemacht, aber er spürte, dass ihm eines schmerzlich fehlte: ein Lehrer. Nicht mit irgendeinem Lehrer wollte er sich zufriedengeben, es sollte der besondere Lehrmeister sein. Diesen außergewöhnlichen Lehrer fand er in Phagmodrupa Dorje Gyalpo (1110–1170), dem Begründer der Phagdru-Kagyü-Linie. Er war einer der wichtigsten Schüler von Gampopa Sönam Rinchen (1079–1153), der seinerseits ein Schüler des berühmten Yogis Milarepa (1040–1123) war.

002 JS1168 erreichte Jigten Sumgön Densa Thil, das Kloster von Phagmodrupa Dorje Gyalpo. Phagmodrupa wurden sein Lehrer und es entwickelte sich eine sehr besondere Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen Phagmodrupa und Jigten Sumgön. Als 1170 Phagmodrupa im Sterben lag, kümmerte sich Jigten Sumgön aufopferungsvoll um ihn. Nach dessen Tod soll ein goldener Vajra aus dem Herzen des eingeäscherten Körpers erschienen und in das Herz von Jigten Sumgön eingegangen sein. Jigten Sumgön verließ das Kloster Densa Thil und begab sich 1171 in den Südosten des Landes nach E, wo er sich für drei Jahre in die Abgeschiedenheit der E-Chung-Höhle zurückzog, um die erhaltenen Lehren in die Praxis umzusetzen. Jigten Sumgön erlangte viele Verwirklichungen und kehrte nach dieser Klausur nach Densa Thil zurück und gab zahlreiche Belehrungen.

Danach begab er sich für zwei weitere Jahre nach E in Klausur. Gegen Ende dieser zweiten Klausur wurde Jigten Sumgön schwer krank und er bereitete sich auf das Sterben vor, denn er war nicht einmal mehr in der Lage, eine Schale Wasser in Händen zu halten. Eingemauert in einer Lehmhöhle auf dem Berg Khyitag wollte er Phowa-Praxis machen – eine Meditationsübung um das Bewusstsein im Sterbeprozess zu lenken. Doch dazu kam es nicht. In seiner Höhle meditierend stieg in ihm überwältigendes Mitgefühl für alle Lebewesen auf und sofort entwich seine Krankheit durch seine Fußsohlen.

Nach Abschluss dieser zweiten Klausur in E nahm Jigten Sumgön 1175 sein Wanderleben wieder auf. Sein Ruhm war mittlerweile weit in alle Landesteile vorgedrungen. Er wurde gebeten, die Mönchsgemeinschaft in Densa Thil anzuführen. So wurde Jigten Sumgön für einige Zeit Abt in Phagdru. Er blieb aber nicht lange. In einer Vision erschien ihm Phagmodrupa und gab ihm den Auftrag, Densa Thil den Mönchen zu übergeben und Phagdru zu verlassen. Heimlich kehrte er des Nachts dem Ort den Rücken und begegnete Phajo Dorje Gyaltsen und Nagshö Khenpo, die ihm von einem wilden, menschenleeren Ort mit hohen Bäumen, abgelegenen Tälern und heiligen Höhlen erzählten. Drikung heiße dieser Landstrich und dort befinde sich auch Terdrom Dragkar, die „Schatzkiste am weißen Fels“.

006 Tsa Ug Dorje Lhokar CaveJigten Sumgön machte sich auf den Weg nach Drikung und traf in Sangphu eine Gruppe von Schülern des tangutischen Lamas Minyak Gomring, der in Drikung im Jahr 1167 eine Einsiedlerklause errichtet hatte. Lama Minyak war ebenfalls ein Schüler von Phagmodrupa gewesen und hatte seinen Schülern das Kommen von Jigten Sumgön prophezeit. Diese luden Jigten Sumgön nach Drikung ein und er folgte ihrem Ruf. In einem Bergrücken im Shorong-Tal, der Löwenschulter genannt wurde, erkannte Jigten Sumgön das Mandala des Chakrasamvara. Da die Meditationsgottheit Chakrasamvara seine tantrische Hauptpraxis war und sich in kurzer Zeit eine rasch anwachsende Zahl von Schülern um Jigten Sumgön versammelt hatte, errichtete er an diesem Ort strohgedeckte Hütten für die Mönche und begründete auf diese Weise 1179 sein Stammkloster Jangchubling, „Ort der Erleuchtung“, das später Drikung Thil genannt wurde. Dieses Jahr gilt zugleich als das Gründungsjahr seiner eigenen Schule, der Drikung-Kagyü-Tradition des tibetischen Buddhismus. Später, als das Kloster ausgebaut wurde, erstreckte sich vor dem Hauptgebäude von Drikung Thil eine große Terrasse, auf der Jigten Sumgön, wie einst sein Lehrer Phagmodrupa, auch im Winter nur mit einem weißen Baumwolltuch bekleidet im Freien lehrte. Dahinter lagen über den ganzen Berg verstreut viele kleinere Unterkünfte und vor allem Klausurhütten.

Unter Jigten Sumgöns Führung bildete sich in Drikung schon bald ein florierendes monastisches Zentrum mit einer unglaublichen Anziehungskraft heraus. Im Jahr 1191 begab sich Jigten Sumgön in Begleitung seines Verwalters in die Höhle von Tsa’ug Ritö in Klausur. Seinem Betreuer schien der einsame Meditationsplatz zu klein und finster. Jigten Sumgön erweiterte daraufhin die Höhle auf magische Weise, indem er mit seinem Vajra ein Fenster in die südliche Höhlenwand schlug. Seitdem heißt die Höhle auch Tsa’ug Lhokar, „Höhle mit der südlichen Öffnung“.

Als einmal der Karmapa Düsum Khyenpa (1110–1193), der Begründer der Karma-Kagyü-Linie, nach Drikung Thil kam, erkannte er das gesamte Drikung-Gebiet als das Mandala von Chakrasamvara und sah Jigten Sumgön als Buddha und seine beiden Hauptschüler als die beiden Schüler des Buddha Shariputra und Maudgalyayana.

Jigten Sumgön erlangte großen Ruhm. Aus allen Teilen des Landes strömten Menschen herbei, um seine Schüler zu werden oder Einweihungen und Belehrungen von ihm zu erhalten. Zu Tausenden kamen sie in die einst verlassene Gegend von Drikung. Jigten Sumgön jedoch schwebte ein Leben in Zurückgezogenheit und Kontemplation vor. So überließ er die Leitung des Klosters seinem Schüler Pelchen und zog sich in seine Höhle nach Tsa’ug zurück. Dieser Rückzug war entscheidend für die weitere Entwicklung der Drikung-Kagyü-Schule. Während seiner meditativen Praxis in Tsa’ug erkannte Jigten Sumgön die tiefgründige Bedeutung der segensreichen Orte der Klausur in den heiligen Bergen des Landes. 004 Jigten Sumgön ThaIn einer Vision erschienen ihm die Gottheiten Tibets unter Anführung der höchsten Gottheiten der Berge Kailash, Lapchi und Tsari und luden ihn an ihre Stätten ein. Es heißt, Jigten Sumgön habe körperliche Emanationen ausgestrahlt und die heiligen Stätten auf diese Weise mit seiner Anwesenheit gesegnet.

Die Meditation in der Einsamkeit der Berge sollte zum zentralen Bestandteil der buddhistischen Praxis in seiner Tradition werden und deshalb begründete Jigten Sumgön eine bis dahin beispiellose Massenbewegung von meditierenden Einsiedlern. Auf diese Weise wurden große Gebiete in den heiligen Bergregionen spirituell erschlossen und heilige Orte „geöffnet“. Die erste massenhafte Aussendung von Mönchen in die Klausur an heiligen Orten veranlasste er im Jahr 1198, als die Schülerschar in Drikung auf 13000 angewachsen war. Kurz danach begann der Bau des Tempels in Drikung Thil. Jigten Sumgön selbst maß der Hingabe an den Guru entscheidende Bedeutung für die Verwirklichung von Mahamudra bei und gab in Drikung seine besondren Lehren weiter: Unterweisungen über den Fünffachen Pfad von Mahamudra, zur Großen Erzeugung des Erleuchtungsgeistes, über die Herzessenz der Mahayana-Lehren und zum Gongchig („Die Eine Absicht“) – Kyobpa Jigten Sumgöns Kernunterweisungen über buddhistische Philosophie.

Der Zustrom an Schülern riss nicht ab. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren es 30000 und als Jigten Sumgön das Alter von 70 Jahren erreicht hatte, fanden sich in Drikung 55350 Teinehmer zur Sommerklausur ein. Auch in diesem Jahr beorderte er Tausende von Praktizierenden zu den Bergen Kailash, Lapchi und Tsari. Zwei Jahre bevor er 1217 ins Parinirvana einging, soll er noch einmal eine unvorstellbar große Zahl an Schülern zur Klausur an die heiligen Stätten entsandt haben.

 


Gedenkfeiern zum 800. Jahrestag von Jigten Sumgöns Parinirvana finden 2017 in verschiedenen Teilen der Welt statt. In Deutschland wird S.H. Drikung Kyabgön Chetsang, das Oberhaupt der Drikung-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus, am Milarepa Retreat Zentrum in Schneverdingen die Einweihungen aus der so genannten Juwelenkette gewähren – einen bedeutenden Zyklus von fünfzig essentiellen Ermächtigungen aus den Neuen Tantras.

Milarepa Retreat Zentrum 30. Juni – 09. Juli 2017 

Die Hauptfeierlichkeiten zum Gedenktag des Liniengründers, zu denen zahlreiche Besucher aus aller Welt erwartet werden, werden im Oktober im Kloster Jangchubling, am Hauptsitz der Drikung-Kagyü-Schule im Exil im indischen Dehradun mit verschiedenen tantrischen Ermächtigungen, Dharma-Unterweisungen und rituelle Tänzen stattfinden.

Kloster Jangchubling 19. – 25. Oktober 2017